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Entstehungsgeschichte und Hintergrund

Angeregt durch die Arbeit des Frauenrechtsbüros Berlin, wo wir selbst zeitweise mitarbeiteten, beginnen wir unsere Recherche und Materialsammlung:

Wir erfahren von einem Kongress im Jahr 2000 in Istanbul, bei dem 18 Frauen öffentlich und gemeinsam über die ihnen widerfahrene sexuelle Folter sprechen. Dies geschieht zum ersten Mal in der Geschichte der Türkei und hat zur Folge, dass die Frauen angeklagt werden, nicht die Täter.

Als Prozessbeobachterinnen sind wir 2001 bei einem Gerichtsverfahren und können erste Eindrücke gewinnen.

Wenige Monate zuvor hatten sich im Südosten der Türkei, in den kurdischen Gebieten, mehr als 30 junge Frauen das Leben genommen. Regionale türkische Zeitungen berichteten mit Erschrecken darüber, allerdings ohne nach den Hintergründen dieser Geschehnisse zu fragen.

Selbstmord als Antwort auf Vergewaltigung ist in dieser Region wiederholt vorgekommen, erfahren wir von einigen unserer Gesprächspartnerinnen; auch als Antwort auf ein gesellschaftliches Umfeld, das die vergewaltigte oder sexuell mihandelte Frau als Schande des eigenen Ansehens empfindet.

"Wer bist du, dass du sprichst?"

reflektiert Nafiye im Film ihre gesellschaftlich zugeschriebene Rolle.

  • Sprechen Frauen ber sexuelle Gewalt, verletzen sie mglicherweise Ehrgefhl und Ansehen ihrer Familien und riskieren ausgegrenzt zu werden.
  • Schweigen sie, sind sie auf sich selbst zurckgeworfen, auf die eigenen Scham und Schuldgefhle und trotzdem: ausgegrenzt.
  • Verlassen sie das Terrain des Privaten, drohen zudem staatliche Sanktionen. Oft bliebe den Frauen nur die Flucht. In eine andere Stadt, in ein anderes Land oder in den Tod.

Der Film "Wer bist du, dass du sprichst?" stellt auf bergeordneter Ebene die Fragen:

  • Wie geht eine Gesellschaft mit der Frau um?
  • Welche Rolle spielt der Krper der Frau als Austragungsort gesellschaftlicher Wertevorstellungen?
  • Wie bestimmt sich gesellschaftliche oder kulturelle Identitt ber den Krper der Frau? Diese letzte Frage bezieht sich konkret darauf, dass in kurdischen Gebieten die Zerstrung der kulturellen Identitt der Kurden ber den Krper der Frau ausgetragen wird, d.h. z.B. Vergewaltigung als gezieltes Mittel zur Vernichtung der Identitt des Anderen.

Diese letzte Frage bezieht sich konkret darauf, dass in kurdischen Gebieten die Zerstörung der kulturellen Identität der Kurden über den Körper der Frau ausgetragen wird, d.h. z.B. Vergewaltigung als gezieltes Mittel zur Vernichtung der Identität des „Anderen“.

Wer bist du, dass du sprichst?

fragt also auch: wer definiert, wer hat die Hegemonie?
Wer spricht das Urteil?

Wer bist du, dass du sprichst?

erzählt von Privatheit und Öffentlichkeit.
Vom öffentlichen Sprechen als Widerständigen Akt.

Oktober 2004 im Jahr der EU Beitrittsverhandlungen.
Während sich in den Eu-Staaten das Bild einer sich auch in Menschenrechtsfragen wandelnden Türkei verbreitet, passiert zeitgleich zu den Beitritts-Verhandlungen und der Tagung der europäischen Grünen im Hotel Hilton, Istanbul folgender Vorfall:

In Kadiköy, auf der asiatischen Seite Istanbuls treffen wir Tugba Günmüs, eine 26 jährige Frau, die in Textilfabriken gewerkschaftliche Arbeit leistet. Sie erzählt uns ihre Familiengeschichte aber auch, wie sie zur Zeit der Tagung der Nato in Istanbul im April 2004 von zivilen Polizisten entführt und mehrere Stunden sexuell gefoltert wurde. Nicht mehr die sogenannte „systematische“ Folter in der Untersuchungshaft mit vorgeschriebener Registrierung ist die gängige Praxis seitens der Sicherheitskräfte, sondern Einschüchterung und Folter während kurzer Entführungen, wie wir auch von Menschenrechtsanwältin Eren Keskin erfahren.

Zehn Minuten nach Ende unseres Treffens wird Tugba von zivilen Polizisten aus einem Minibus geholt mit der Erklärung, sie sei eine Terroristin, die eine Bombe bei sich trage. Sie wird in einen Kleintransporter mit maskierten Männern gezerrt und für mehrere Stunden erneut entführt und gefoltert.
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